Wer heute Geschlechterstudien zum Recht betreibt, sich mit Diversity und Recht beschäftigt, Gender Mainstreaming auch juristisch reflektiert, Antidksiminierungsrecht theoretisiert oder Gleichstellungsrecht konzipiert, bewegt sich in den Pfaden feministischer Rechtswissenschaft. Es ist nicht in jeder Situation klug, das so zu nennen. Es ist aber oft feige und wissenschaftlich unlauter, es nicht zu tun. Zudem ist es keineswegs ein Rückfall in essentialistische, Weiße privilegierende oder sonst ignorante Zeiten, feministisch zu arbeiten. Der Rekurs auf eine feministische Position baut vielmehr, um mit der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Spivak zu sprechen, auf einen „strategischen Essentialismus“, stellt also bewusst eine Kategorisierung und Perspektive in den Vordergrund, behauptet damit gerade nicht automatisch, es gebe ‚die Frauen‘ oder ‚die Männer‘ als uniforme Gruppen einheitlicher Existenzweisen.

Susanne Baer: Entwicklung und Stand feministischer Rechtswissenschaft in Deutschland, in: Beate Rudolf (Hg.), Geschlecht im Recht. Eine fortbestehende Herausforderung, 2009, S. 35.


Die Juristenausbildung gleicht, wie mir einmal Professor Redslob, der erste Rektor der FU und keineswegs ein fortschrittlicher, sagte, der Dressur von Zirkusflöhen. Die werden nämlich, nachdem man sie gefangen hat, in eine Zigarrenkiste gesperrt, auf die man eine Glasscheibe legt. Wenn die Flöhe versuchen, aus der Kiste zu hüpfen, stoßen sie sich an der Scheibe. Nach einiger Zeit lernen sie, wie hoch sie springen können, ohne sich zu stoßen. Wenn man jetzt die Scheibe abnimmt, haben sie sich abgewöhnt, aus der Kiste zu springen. Dieser Vorgang wird in immer niedrigeren Kisten wiederholt, bis die Flöhe dann gelernt haben, dass sie überhaupt nicht mehr springen können. Wenn sie dann gelernt haben, sich nur noch kriechend fortzubewegen, ist ihre Ausbildung für der Flohzirkus abgeschlossen. Bezogen auf die Juristen ist dies etwa der Zeitpunkt des Assessorexamens. Während der gesamten Ausbildung wird den Juristen jeder Mut zu schöpferischem Denken ausgetrieben und sie erkennen sehr bald, dass ihnen zusätzliche Kenntnisse von sozialpsychologischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Zusammenhängen in der juristischen Arbeit nur hinderlich sind. Man hat keine Chance, sich mit diesem Wissen gegenüber den eingesessenen Juristen durchzusetzen.

(Klaus Eschen, Vor den Schranken, Kursbuch 40, 1975, S. 104).


Das aktuelle Tagesgeschehen macht es nicht immer leicht Themen möglichst objektiv zu beleuchten. Mit völligem Unverständnis nahm ich gestern die Fotos der schönsten Nationalspielerinnen Deutschlands im aktuellen Playboy sowie den expert Frauenfußball-WM 2011 Werbespot wahr. Mein erster Reflex: diese Form der (Selbst)Darstellung steht im Widerspruch zur Anerkennung des Frauenfußballs sowie einer damit verbundenen Gleichberechtigung auf unterschiedlichen Ebenen.

Aber warum ist die objektive Betrachtung unterschiedlicher Ebenen so wichtig? An Fußball kommt niemand vorbei. Die Berichterstattungen dominieren gerade in Zeiten von Europa- und Weltmeisterschaften. Selbst wenn mensch sich nicht dafür interessiert, wird nicht zuletzt das ‚Nationalbewusstsein‘ angesprochen und der ‚Kampf um den Titel für Deutschland‘ begleitet. In Stadien, vor Großbildleinwänden, Fernsehgeräten oder durch andere Medien werden Massen von Menschen bewegt; Menschen die umgekehrt aber ebenso auch erreicht werden können.

Der Fußballsport bietet in all dem Raum für die Inszenierung des Geschlechts. Als „typische Männersportart“ verstanden, setzt diese „richtiges Mannsein“ voraus. Homosexualität hat darin nichts zu suchen. Der schwule Fußballspieler bleibt tabuisiert und nach wie vor unsichtbar. Dass das „Frausein“ ebenfalls nichts im Fußball zu suchen hat, wird durch das Bild bestätigt mit welchem sich weibliche Fußballspielerinnen konfrontiert sehen – „das Mannweib“ und damit abgesprochener „Weiblichkeit“ verbunden mit der Vorannahme, dass alle Spielerinnen lesbisch seien. Nun wäre es doch irgendwie angebracht diese Zusammenhänge sichtbar zu hinterfragen und das im Sport dominierende dualistische Geschlechterrollenbild aufzubrechen.

Es stellt sich also die Frage wie mensch Diskriminierungsmechanismen gerecht werden kann und so zu einer gesellschaftlichen Veränderung beiträgt. Ich spreche jedenfalls dem Sport nicht das Potenzial ab zur Veränderung von Geschlechterbildern und -verhältnissen beitragen zu können. Was aber passiert im Rahmen der Frauenfußball-WM bisher? Der Spielzeughersteller Mattel stellt Fußball-Barbies her, die Nationalspielerinnen werben für Kosmetika, Bilderstrecken lassen sich unter dem Titel „So gefällt uns Frauenfußball!“ im Playboy finden und die ZEIT ONLINE klärt in dem Beitrag „Was Sie schon immer über Frauenfußball wissen wollten“, ob alle Fußballspielerinnen homosexuell sind. Mal von anderen Berichterstattungen ganz zu schweigen. Ist das ein angemessener Weg um Geschlechterbildern entgegenzutreten und Vielfalt im Fußball zu fördern?

Es ist mir gleichgültig, ob die Fotos im Playboy im Zusammenhang mit einer Werbestrategie stehen oder auf eine selbstbestimmte Entscheidung der Abgebildeten zurückzuführen sind. Jedenfalls reihen sie sich in ein Weiblichkeitsbild ein, das von lebensferner Anatomie, Herausstellung von Brüsten und Zwangsheterosexualität gekennzeichnet ist. Mit Blick auf viele und vielfältige Lebensentwürfe junger Menschen liegt es nicht fern dies als ein Beispiel für geschlechterpolitischen Rückschritt anzuführen.

Jemand sagte mal zu mir, das sei mit einem Pendel vergleichbar. Mensch hält es auf einer Seite fest und wenn es losgelassen wird, schlägt es erst einmal steil zur anderen Seite aus bis es sich dann irgendwann mittig einfindet. Tja, das ist schön für das Pendel bzw. die übersteigerte feminine Visualität von Spielerinnen – bei diesem Thema habe ich allerdings gerade keine Ausdauer auf den Zeitpunkt des Mittelmaßes zu warten. Der scheint mir nämlich in den Hintergrund gerückt. Es regt auf. Zu sehen und zu lesen wie mit Vielfalt im Fußball der Imagepflege wegen umgegangen wird. Mir wäre dann eine Fußballwelt frei von Geschlechterrollenbildern und Diskriminierung, die Homophobie, Rassismus und Sexismus auch schon in der Berichterstattung und anderen Darstellungsformen benennt und eine klare Absage erteilt doch um einiges lieber.

Denn letztendlich sollte es doch nun wirklich egal sein, wer das verdammte Tor macht!

Im Übrigen – wirklich nicht schlecht >> Lira Bajramaj im Nike Werbespot
Publikationshinweis: Degele, Nina/Janz, Caroline: Hetero, weiß, männlich? Fußball ist viel mehr! Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Homophobie, Rassismus und Sexismus im Fußball, 2011 – Insbesondere die acht Perspektiven für politische und strukturelle Maßnahmen ab S. 48.


Endlich einen Beitrag (Fall Kachelmann: Vergewaltigung ist mit Objektivität nicht beizukommen) zu lesen, der sich reflektiert mit dem Ausgang und den Auswirkungen des Kachelmann-Prozesses befasst, führt wie ich gestern und heute wieder einmal eines besseren belehrt wurde zu Kommentaren, die sich im Bereich des Kopfschüttelns bewegen und sich in das sonst und größtenteils überall in den letzten Tagen zu lesende einreihen. Traurig bin ich, dass sich die Moderator_innen der Mädchenmannschaft dafür entschieden haben, die Diskussion weiterhin geschlossen zu lassen. Nachvollziehen kann ich es dennoch (siehe Begründung).

Auch gestern berührte mich die Diskussion, so dass ich nun hier meinen Kommentar, der mir wichtig ist, veröffentliche:

@LWK (<- selbstverständlich geändert)

Neben der Legislative reduziert auch die Rechtsprechung aber vor allem die Wissenschaft ihre Wirkung und Analyse eben gerade nicht lediglich auf die Bestätigung des Status Quo, sondern erweitert sie auf Rechtsfortbildung und Weiterentwicklung von Recht. Die Tatsache, dass sich ständig veränderndes Leben in einer immer komplexer werdenden Welt nicht ganz so einfach unter festgeschriebene Tatbestandsmerkmale subsumieren lässt, fällt nicht nur den Richter_innen des BVerfG, EuGH oder EGMR auf, sondern auch vielen anderen Menschen, die sich umfassend mit Recht beschäftigen. Schließlich müssen die konkreten Einzelfälle dort auch erst einmal hinkommen. Mich dagegen regen vielmehr die ewigen Parolen auf, das Recht habe kein Potenzial zu gesellschaftlicher Signalwirkung oder Recht könne nur die bestehenden Verhältnisse abbilden oder aber gesellschaftlicher Wandel habe im Rechtsprozess nichts zu suchen. Dem ist nicht so. Im Übrigen ist die Argumentation von @Maria alles andere als nur durchaus überzeugend.

Viel wichtiger ist allerdings die – wie du sie benennst – gewisse kritische Masse von Befürworter_innen solcher Positionen, die wie ich finde besser beschrieben ist als eine unbestimmte Anzahl von Menschen, die sich Gedanken über gesellschaftliche Realitäten und Machtverhältnisse (nicht ausschließlich außerhalb von Gerichten) machen und diese dabei entstehenden Denkprozesse dann nach außen sichtbar vertreten und so zu einem öffentlichen Diskurs und letztlich Veränderung beitragen. Das erfordert Mut und verdient Respekt und keinesfalls

@insgesamt

ein Bashing, was sich schlimmstenfalls gegen einzelne Personen oder mutwillig falsch verstandene Sätze richtet. Kaum etwas habe ich in den letzten zwei Tagen gelesen was es so sehr trifft:

Ob in Sachen Vergewaltigung in Zukunft Recht und Gerechtigkeit vorherrscht, geht nicht nur Gerichte, Prozessbeteiligte und Journalist_innen etwas an. Sexualisierte Gewalt ist dabei keine Frage objektiver Beurteilung und sollte nicht allein auf dem Feld sexpositiver Debatten erfolgen. Eine öffentlich geführte und auf Sensibilisierung ausgelegte Auseinandersetzung mit rape culture wäre ein Anfang.

Hier geht es doch nicht um eine von Feminist_innen propagierte Abkehr vom Rechtsstaat und der Unschuldsvermutung. Ganz im Gegenteil! Es geht um Bewusstseinsschaffung von Verhaltensweisen und Alltagspraxen insgesamt und daran anknüpfend Berichterstattungen bis hin zu Gerichtsprozessen in die Menschen involviert sind deren prüfender Blick nicht zuletzt auf sich selbst gerichtet sein sollte, um fortbestehende und fest verankerte Vergewaltigungs- und Sexualitätsmythen sowie Geschlechterstereotype zu hinterfragen und gegebenenfalls zu überwinden und so eine möglichst neutrale Entscheidungsgrundlage zu schaffen.

Dennoch sind es zwei unterschiedliche Ebenen auf die besonderes Augenmerk gerichtet sein sollte. Die eine Ebene beschreibt das Spannungsverhältnis von Justiz und Medien. Nicht erst bedingt durch den Kachelmann-Prozess wird das Thema Einfluss der Medien auf die Justiz und der Justiz auf die Medien intensiv diskutiert. Artikel, Podiumsdiskussionen und Tagungen beschäftigen sich mit der aus den Vereinten Staaten stammenden strategischen Rechtskommunikation und dem neu aufgetauchten Begriff der Litigation-PR schon seit längerem. Dabei geht es um die Rolle der Medienanwält_innen, die oft mit umstrittenen Mitteln versuchen, bestimmte Berichterstattungen zu verhindern oder zu fördern und dabei Einschüchterungen durch hohe Streitwerte in Kauf nehmen. In Diskussion steht aber auch das Recht sprechen im Schatten der prozessbegleitenden Öffentlichkeitsarbeit und die Frage der Verortung der Staatsanwaltschaft, die ebenfalls unangemessen Auskünfte in laufenden Verfahren erteilt. Es gilt die Frage zu klären wie auf die aufkommende Litigation-PR zu reagieren ist.

Die Art und Weise der Berichterstattung als zweite Ebene tritt dadurch umso mehr in den Vordergrund und die Verbreitung von Sexismus aber auch Rassismus nicht zuletzt am Beispiel des orientalisierten Diskurses zu Hass und Gewalt verdeutlicht erhält eine neue Dimension und Wichtigkeit. Das Beispiel Kachelmann nach Beendigung des Strafprozesses aufzugreifen und wichtige abstrakte Fragen zur Diskussion zu stellen, ist wenn es um Vergewaltigung und Objektivität geht mehr als sinnvoll und notwendig. Dabei erhebt sich niemand und möchte Kachelmann unter den gegebenen Umständen im Knast sehen. Natürlich ist der Strafprozess kein politisches Forum. Was ein Strafprozess aber ebenso wenig bieten darf, ist Raum für eine mediale Spielwiese. Um der Gefahr zu entkommen, dass in dubio pro reo künftig zu in dubio pro media verkommt, bedarf es noch vieler solcher lesenwerter Beiträge wie den obigen, die sich mit Fragen einer angemessenen (Be)Urteilung sexueller Gewalt und deren Auswirkungen befassen. Danke dafür @Nadine

Darüber hinaus werde ich auch hier keine weitere Diskussion über bestimmte Inhalte führen und bestimmte Kommentare – falls sie denn kommen sollten – erst gar nicht freischalten.


Menschen jubeln nach dem Tod des Terroristenführers Osama bin Laden. Osama bin Laden als das personifizierte Böse. Der vermeintliche Sieg über das Böse lässt das Gute hervortreten. Oder etwa nicht?

Mein Entweder/Oder bezeichnet zuallernächst nicht die Wahl zwischen Gut und Böse, es bezeichnet jene Wahl, mit der man Gut und Böse wählt, oder Gut und Böse abtut. […] Mithin: was durch mein Entweder/Oder in Erscheinung tritt, ist das Ethische. Es ist daher noch nicht die Rede davon, daß man Etwas wähle, sondern von der Realität, welche das Wählen als solches hat. […] Durch diese Wahl wähle ich eigentlich nicht zwischen Gut und Böse, sondern ich wähle das Gute; indem ich aber das Gute wähle, wähle ich eben damit die Wahl zwischen Gut und Böse. Die ursprüngliche Wahl ist ständig zugegen in einer jeden folgenden Wahl.

(Kierkegaard, Entweder-Oder Bd. 2, S. 180, 188, 232 f.)

Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein Guter Wille. Verstand, Witz, Urteilskraft und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze als Eigenschaften des Temperaments sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille, der von diesem Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist.

(Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 28 f.)

Ein ursprüngliches, sozusagen natürliches Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse darf man ablehnen. Das Böse ist oft gar nicht das dem Ich Schädliche oder Gefährliche, im Gegenteil auch etwas, was ihm erwünscht ist, ihm Vergnügen bereitet. Darin zeigt sich also fremder Einfluß; dieser bestimmt, was Gut und Böse heißen soll. […] Das Böse ist also anfänglich dasjenige, wofür man mit Liebesverlust bedroht wird; aus Angst vor diesem Verlust muß man es vermeiden.

(Freud, Das Unbehagen in der Kultur, S. 163 f.)


Gestern in einem Taxi irgendwo in Berlin kommentierte ich mit schielenden Augen und vehementer Ablehnung auf die Frage meiner Begleitung, ob ich das Hochzeitsgeschehen um Kate und William denn auch mitverfolgt hätte. Kaum hatte ich begonnen, drehte sich der Taxifahrer um und berichtete mit strahlenden Augen von der traumhaften Hochzeit, deren Schönheit und zu spürenden Liebe zwischen zwei Menschen und gleichzeitigen Ablenkung, denn die Welt sei ja ansonsten nur schlecht. Jeden Tag gäbe es schlimme Nachrichten und er selbst wüsste das sehr genau, denn schließlich habe er den ganzen Tag den Hörfunk im Wagen laufen. Seit heute Morgen zum Beispiel gäbe es die Nachricht, dass Osama bin Laden getötet worden sei. „Sind wir jetzt sicherer? Oder schlagen die Mitglieder der Terrorgruppe nun zurück?“ waren nur zwei der Fragen, die kurz angerissen wurden bevor er zu der schön geschmückten Westminster Abbey zurückgekehrte.

Da war sie wieder – die royale Realität und die Gründe, dich mich aus dieser gern flüchten lassen. In diesem Moment in ein Zitat von Annemarie Pieper:

Das Rätsel Mensch entzieht sich wissenschaftlichen Lösungen.

Und in weitere Fragen um Freiheit, Liebe und Macht und deren Verbindung zueinander. Dem ‚Gut‘ und ‚Böse‘ und bestimmten Verhaltensmustern, die diese jeweils auszeichnen und warum sich Menschen durch etwas ‚Gutes‘ – wie zum Beispiel die Liebe am oben gezeigten Beispiel – instrumentalisieren lassen bzw. welche Kraft es erfordert, bestimmte Mechanismen in gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu führen?


Angeregt durch den Text „Let’s talk about love!“ von Antje Schrupp komme ich mal wieder nicht aus dem Nachdenken raus. Was ist es denn nun eigentlich, was so viele Denker_innen über Jahrtausende hinweg beschäftigt und noch immer nicht hat greifbar werden lassen? Trotz der unterschiedlichen (wissenschaftlichen) Perspektiven und Blicke auf die Liebe findet diese keine Allgemeingültigkeit. Glücklicherweise wie ich finde, denn was Liebe eigentlich ist kann erst einmal nur jede_r einzelne für sich beschreiben und sollte gänzlich unerforscht bleiben.

Interessant wird es dann, wenn hinterfragt wird welche gesellschaftlichen Strukturen und sonstigen Vorgaben den individuellen Beschreibungen zugrunde liegen.

Denn hat Mensch die Liebe gefunden, mündet sie häufig in eine Ehe oder eingetragene Lebenspartnerschaft. Mit der Freiheit sich für einen Menschen lebenslang entscheiden zu können setzt mensch jedoch einen rechtlichen Rahmen und bindet sich. Diese Freiheit aufgegeben stellt sich nun die Frage wie die Liebe in der Institution überlebt und dem Kampf gegen die Flüchtigkeit und Substanzlosigkeit entgegengetreten wird. Selbst die geführte Beziehung in der Lebensabschnittsgefährtschaft wirft diese Fragen auf, so dass der Schutzhafen nicht einmal Ehe oder eingetragenen Lebenspartnerschaft heißen muss, sondern als eine variable Ausformung des Treuemythos beschrieben werden kann.

Nur allzu häufig wird in einem von Sicherheitsdenken geprägten Leben in der gelebten Liebe übersehen, dass es für Küsse keine Verträge gibt und Träume keine Versprechen sind. Folglich muss Liebe etwas anderes sein. Etwas was sich außerhalb der Rahmenbedingungen, die durch eine Mehrheitsgesellschaft vorgegeben und durch Gesetze bestärkt werden, bewegt. Wohl aber müssen diese Rahmenbedingungen ständig neuen Entwicklungen und allgemeinen Auffassungen von Gesellschaft angepasst werden. Denn alles L(i)eben geht weiter.

Liebe ist darin vor allem eins: grenzenlos. In dieser Grenzenlosigkeit ist sie zwar individualistisch und eine persönliche Angelegenheit, jedoch ebenso (rechts)politische und gesellschaftliche Kategorie. Mit Blick auf das konkrete Beispiel neuer Familienformen aber auch insbesondere der Institution der Ehe als solche und ihrer Verankerung im Grundgesetz muss zumindest meiner Meinung nach die Liebe in einen öffentlichen Aushandlungsprozess eingebunden werden. Womit ich die Liebe – will mensch sie als Kategorie heranziehen – in einem zeitlichen auf Veränderung reagierenden Kontext sehe.

Interessant ist ebenso, dass während ich meine Gedanken dazu niederschreibe merke, dass ich wenn es um meine individuelle Empfindung von Liebe geht keine theoretische Annährung brauche. Dass ich merke wenn sie da ist und einschlägt. Ganz von allein und ohne jede Auseinandersetzung. Und das ich jetzt verstehe was Antje Schrupp mit ihrem Text eigentlich sagen wollte.