Zwei Beiträge aus der letzten Woche treiben mich schon wieder in pornografische Gedanken. Oder so ähnlich.

Jedenfalls ließ sich auf Spiegel Online die Mitteilung finden, dass der weltweit erste Pornofilm im 3-D-Format in Hongkong erfolgreicher gestartet ist als der Hollywood-Schlager „Avatar“. Auch wenn ich mir nicht einmal vorstellen mag wie sich ein nackter Hintern oder gar anderes sich bewegendes Körpermaterial in schwindelerregender Nähe quasi direkt vor meiner Nase befinden soll, eröffnet dieser offenbar neu entdeckte Markt mit Blick auf den Zuschauer_innenrekord völlig neue Möglichkeiten für die Pornoindustrie.

Nun wäre eine Gleichsetzung dieses scheinbar mit Inhalt gefüllten Filmes mit einem billigen Pornostreifen natürlich anmaßend, da die 3-D-Inszenierung an einen Klassiker der erotischen chinesisichen Literatur angelehnt ist. Dennoch werden Darstellungen bekanntlich subjektiv empfunden und nicht zuletzt die Frage nach dem erträglichen Maß vermittelter Geschlechtsstererotypen oder menschenverachtender Zurschaustellung in erster Linie von jedem einzelnen beantwortet. Der kurze Blick in den Trailer hat mich jedenfalls nicht überzeugt. Der Film lockt dennoch laut dem oben genannten Bericht viele unterschiedliche Menschen in Scharen in die Kinos und lässt sogar Besucher_innen aus dem Zensur belegten China mit eigens dafür eingerichteten Reiseunternehmen anreisen.

Die zweite Nachricht betrifft die Schauspielerin Sıla Şahin, die sich für den Playboy fotografieren ließ. Neben dem Enthüllen ihres Körpers gab sie ein Interview und bezog sich – auf ihre Motivation angesprochen – vor allem darauf, dass sie die erste Türkin auf einem Playboy-Titel sei und die Fotos als ein Mittel der Befreiung von den kulturellen Zwängen ihrer Kindheit betrachte. Ihre Eltern wüssten allerdings noch nichts davon. Mit Spannung mag manch eine_r die Entwicklungen um sie, ihre Ängste und ihre Familie in den Boulevard Medien verfolgt und mal wieder die vielleicht längst schon vergessene Daily Soap „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ in das vorabendliche Fernsehgeschehen eingebunden haben. Die dahinter vermutete PR-Strategie brachte ihr jedenfalls Spott und Häme und ihre „Brüste mit Migrationshintergrund“ eine vermeintliche Einordnung in die gesellschaftliche Diskussion über Migration, Islam und den Stellenwert der Frau. So war darüber hinaus in der ZEIT von Adam Soboczynski Folgendes zu lesen:

Man ahnt, welche Wendung die Islamdebatte nimmt: Das westliche Dogma der Enthüllung, das durch ermüdende Bilderwut sich seiner befreienden Wirkung entledigt hat, eine Emanzipation, die in Pornografie umgeschlagen ist, eine Aufklärung, die in Gegenaufklärung mündete, gelten fatalerweise als die besten Waffen im Kulturkampf gegen den Islam.

Auch Aktfotos als eine Form von Befreiung im jeweiligen Kontext (will mensch sie als solche überhaupt verstehen) münden zwangsläufig in Vermarktung und Verbreitung durch Zeitschriften, Fernsehsender oder Internet. Der Wille und Wunsch nach Konsum ist da und das zahlreich. Vielleicht mehr denn je mit Blick auf die erleicherten Zugangsmöglichkeiten. Ich bezweifle, dass eine auf Aufklärung gerichtete Debatte dadurch überhaupt angeregt werden kann beziehungsweise soll.

Mit Blick auf die Pornoindustrie wünsche ich mir jedenfalls noch immer die Umsetzung von sexpositiver Darstellung weiblicher Lust, das Aufzeigen vielfältiger sexueller Ausdrucksweisen und ein maßgebliches Mitwirken von für den Themenbereich sensibilisierten ‚Frauen‘ bei der Filmproduktion als Mindestvoraussetzungen (zu den weiteren >> Kriterien für das PorYes – Label). Ein weiteres Ergebnis dann auch gerne weltweit verbreitet und vermarktet und gezeigt in einem Kinosaal auf Großbildleinwand natürlich im 3-D-Format.


Neulich hatte ich ein Gespräch bei dem mir mal wieder von einer Frau berichtet wurde, die sich durch das Aufhängen von Jahreskalendern ihrer männlichen Kollegen, auf denen nackte Frauenkörper abgebildet werden, belästigt fühlt. Seit mehreren Jahren arbeitet sie in einem von Männern dominierten Berufsfeld und wird ständig mit pornographischen Darstellungen konfrontiert. Anfangs versuchte sie darüber hinwegzusehen, irgendwann beschwerte sie sich und erläuterte, dass sie die Darstellungen als sexuell herabwürdigend und beleidigend empfindet. Die Kollegen erklärten ihr allerdings, dass dies ja durchaus als Kompliment zu verstehen sei. Sie würden Frauenkörper einfach schön finden und deswegen täglich auf diese schauen wollen. Geändert hat sich nichts außer dass die Situation neben der ein oder anderen zweideutigen Bemerkung für sie unerträglich geworden ist.

Diese Situationbeschreibung soll weder als Grundlage zur Verallgemeinerung dienen noch Verhaltenweisen bestimmten Geschlechtern zuschreiben. Sicherlich lassen sich auch nackt abgebildete biologische Männerkörper an Wänden finden und/oder wiederum andere, die sich dadurch belästigt fühlen. Fakt ist, dass der Mensch zum Objekt degradiert und auf biologische Geschlechtsmerkmale reduziert wird, so dass mensch sich durch das Aufhängen von pornografischen Bildern und Fotos von Pin-Up Girls zum Beispiel in Form von Kalendern diskriminiert fühlt.

Sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz

Dennoch habe ich dieses Beispiel gewählt, um zu unterstreichen, dass sexuelle Belästigungen eine der häufigsten Formen von Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz ist und mich gefragt, was denn eigentlich das im Jahr 2006 in Kraft getretene Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in diesem Zusammenhang zu bieten hat.

Nun heißt es ja immer so schön, dass das AGG grundsätzlich zum Ziel hat, Benachteiligungen aus rassistischen Gründen oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, des Alters, der Weltanschauung, der sexuellen Identität, einer Behinderung oder der Religion zu verhindern und zu beseitigen. Um Rechte nach dem AGG geltend machen zu können, ist allerdings das Vorliegen einer Benachteiligung erforderlich. § 3 Abs. 4 des Gesetzes stellt die sexuelle Belästigung der Benachteiligung gleich und stellt klar, dass ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornografischen Darstellungen gehört, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von zum Beispiel Erniedrigungen oder Entwürdigung gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.

Der juristische Begriff „pornografische Darstellungen“ unter der Lupe

Mal genauer hingesehen erfasst der Begriff „pornografische Darstellungen“ die Darbietung vergröbernder, verzerrender Darstellungen der Sexualität ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensäußerungen. Die an Arbeitsplätzen verbreiteten Kalender mit Pin-up-Girls erfüllen deshalb nicht den Tatbestand einer sexuellen Belästigung (vgl. Bauer/Göpfert/Krieger, AGG Kommentar, § 3 Rn. 58).

Dabei handelt es sich jedoch um einen engen strafrechtlichen Begriff, so dass vereinzelt und zu Recht darauf verwiesen wird, dass eine Zurschaustellung sexueller Inhalte bereits dann unzulässig ist, wenn sie für Betroffene unerwünscht erfolgt (vgl. ErfK/Schlachter, AGG, § 3 Rn. 18).

Danach kann das Aufhängen von pornografischen Bildern und Pin-Up-Kalendern unter Umständen eine sexuelle Belästigung nach dem AGG darstellen und Schadensersatzansprüche auslösen. Zu diesem Themenbereich ist bisher keine Rechtsprechung ergangen und in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung besteht Uneinigkeit über den Umgang mit solchen Fällen.

Keine Rechtssicherheit in diesem Bereich

So wird es wieder einmal Sache der Gerichte sein, über diese Frage der sexuellen Belästigung im AGG-Kontext zu entscheiden und die notwendige Rechtssicherheit zu schaffen, die dann ein weiterer Schritt in Richtung diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld (ausgehend von der Perspektive der Verrechtlichung dieses Bereichs) sein könnte. Dazu müsste sich aber neben einer Kläger_in auch ein_e Anwält_in finden, die sich gemeinsam der Rechtsunsicherheit zum Trotz dem Problem annehmen.


Da ist der Mensch mit dem perfekten Lebenslauf, der zielstrebig nach der Schule den Weg zu einer Spitzenuniversität sucht und das Studium innerhalb kürzester Zeit und mit sehr gutem Abschluss und dazu noch mit vielen (Auslands-)Praktika hinter sich bringt. Geschmückt mit guten Noten, politischem oder wahlweise ehrenamtlichem Engagement, möglichst vielen Fremdsprachenkenntnissen und Hobbies wie die regelmäßige Teilnahme an einem Marathon begibt sich die Nachwuchskraft nun auf Jobsuche. Vergeblich – wie es neuerdings immer wieder heißt.

Denn die Rede ist von einer Gegenbewegung. Unternehmen suchen heute etwas anderes. Gesucht werden Menschen mit Persönlichkeit, „vielfältige Charaktere statt Inselbegabung“, Kreativität und soziales Geschick. Genau das fehle nämlich hochbezahlten Arbeitstieren. Medial wird daraus auch kein Hehl gemacht (vgl. „Lebenslauf: Bewerber aus dem Mutantenstadl“ von Jochen Mai). So wird auch gerne mal erklärt was Karrieristen fehlt:

Der Keim der Innovation steckt eben oft im Unkonventionellen. Gute Ideen entstehen, weil jemand quer denkt, rumspinnt, fantasiert oder träumt. Dieses Verhalten ist dem Karrieristen fremd. Er hat gelernt, seine Ziele geradlinig zu verfolgen, mit dem Kopf durch die Wand. Oft sucht er dabei aber nicht das Wohl des Unternehmens, sondern sein eigenes.

Die Unternehmen brauchen jetzt echte Persönlichkeiten

Da mag sich jetzt wohl manch einer rebellisch auf die Schulter klopfen. Aber zu früh gefreut. Werden nicht lediglich neue Förmchen gegossen? Schließlich muss sich mensch auch mal die Frage stellen warum Unternehmen nun echte Persönlichkeiten (was auch immer das sein soll) brauchen. Langsam aber sicher scheint in der Arbeitswelt irgendwie dann doch angekommen zu sein, wohin stromlinienförmige Leistungserbringung so führen kann. Aus der Sicht des Unternehmes jedenfalls handelt der Karrierist nur zum eigenen Wohl. Das mache ihn illoyal, denn je höher ein Mitarbeiter aufsteigt, desto mehr sei er Visitenkarte des Unternehmens.

Da wären wir also wieder angekommen – in der Profitspirale. Das Unternehmen macht sich Gedanken über sich, die Außenwirkung und den Markt. Und fängt auf einmal an nach Menschen zu suchen, die quer denken, rumspinnen, fantasieren und träumen. Sie hoffen auf nicht nur vom Verstand geleitete, sondern Empathieträger, die gleichzeitig Vorbild sind, ‚Werte‘ leben, dabei verlässlich und stets offen für Neues bleiben. Aus diesen Wünschen wird dann eine sog. Gegenbewegung hergeleitet, die im Grunde nach nichts anderem schreit als nach neuen Vorgaben und Kochrezepten an denen mensch sich abarbeiten kann. Nur das es diesmal dann doch etwas schwieriger zu werden scheint, denn ‚Persönlichkeit‘ kann nirgends ‚gelernt‘ werden.

Aber auf was kommt es denn wirklich an?

Auf was es wirklich ankommt? Keine Ahnung. Kann die Frage in diesem Kontext überhaupt beantwortet werden solange sich der Einzelne nicht die Zeit genommen hat, sich selbst ein Stück weit kennenzulernen? Resultieren aus einer Auseinandersetzung mit sich aber vor allem mit der Welt nicht zwangsläufig Bereiche, die einen stark interessieren und die einen durch das Interesse geleitet befähigen mit einer Form von Hingabe eine (Arbeits)Aufgabe zu erledigen? Jedenfalls hatte ich irgendwo mal gelesen, dass – sinngemäß wiedergegeben – „Persönlichkeit“ auf einem Gebiet nur der hat, der rein der Sache dient. Kommt der Rest dann nicht von selbst? Und hat das dann mit Fragen der Lebenslaufgestaltung überhaupt noch etwas zu tun?

Ich jedenfalls bin noch immer nicht schlauer, aber gespannt darauf was nach dem „vielfältigen Charakter statt Inselbegabungs“-Lebenslauf als Nächstes kommt.


Im Juni letzten Jahres berichtete derStandard.at über die Flucht der kolumbianischen Richterin María Stella Jara Gutiérrez. Diese hatte in einem viel beachteten Strafverfahren den hochrangigen ehemaligen Militärangehörigen Luis Alfonso Plazas Vega zu einer Freiheitsstrafe von 30 Jahren verurteilt. Der Verurteilung lag ein Verbrechen vor 25 Jahren zu Grunde. Linke Rebellen hatten damals den Justizpalast in Bogotá besetzt. Dabei wurden etwa 350 Menschen als Geiseln genommen. Bei der Erstürmung des Justizgebäudes durch das Militär verschwanden gewaltsam elf Zivilisten. Elf Richter, fünfundreißig Rebellen und zweiundfünfzig weitere Menschen starben.

Die Entscheidung traf sie ohne Unterstützung eines Kollegialgerichts oder einer Geschworenen-Jury als Einzelrichterin. Der Verurteilung folgten Verleumdungen und Bedrohungen sowie konkrete Todesdrohungen gegenüber ihr und ihrem damals 13 Jahre alten Sohn. Zum Schutz ihres Lebens musste sie gemeinsam mit ihrem Sohn aus Kolumbien flüchten. Zu diesem Zeitpunkt war nicht bekannt wohin.

Zwischenzeitlich ist bekannt, dass sie sich in Deutschland aufhielt und eine Vielzahl an Vorträgen gehalten und Beiträge verfasst hat, die sich mit der kolumbianischen Justiz auseinandersetzen. Dass es viel Mut und Kraft erfordert, sich täglich für die Achtung und Verwirklichung der Menschenrechte einzusetzen, steht dabei außer Frage. Insbesondere mit Blick auf die lange Liste der kolumbianischen Menschenrechtsorganisation FASOL, die die Namen ermorderter Mitarbeiter der Justizbehörden aufführt.

Auf die Frage woher Sie nur die Kraft für das alles nehme, antwortete Frau Jara Gutiérrez, der Glaube und die Liebe zu ihrem Land und ihrem Beruf hätten ihr die Kraft gegeben, das Alles durchzustehen.

Im Dezember 2010 ist sie nach Kolumbien zurückgekehrt und zur Richterin am Obersten Gerichtshof berufen worden.


Am 25. März 2011 ist Equal Pay Day und mit diesem wird erneut die Forderung nach Entgeltgleichheit zwischen den Geschlechtern sichtbar gemacht. Denn noch immer besteht eine deutliche Entgeltdifferenz zulasten der Frauen. Erklärungsansätze für die 23,2% – in Abhängigkeit der jeweiligen Berechnungsart – bieten unterschiedliche soziale und berufliche Merkmale. Darüber hinaus gibt es noch einen sog. „ungeklärten Rest“, bei dem eine Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts vermutet wird. Die Entgeltdiskriminierung schlägt sich zum Beispiel in Arbeitsbewertungsverfahren nieder. Denn Arbeitsbewertungsverfahren bilden zwar eine Grundlage für die Ermittlung des Wertes unterschiedlicher Arbeitsplätze, um diese dadurch vergleichbar zu machen, sind aber für sich betrachtet ebenfalls nicht diskriminierungsfrei.

Aber wann ist eigentlich Entgeltgleichheit gewährleistet?

Entgeltgleichheit ist gewährleistet, wenn die Entlohnung insgesamt diskriminierungsfrei erfolgt. Das ist der Fall, wenn gleiche und gleichwertige Arbeit gleich entlohnt wird; die Arbeitsbewertung und Eingruppierung geschlechtsneutral erfolgt. Das Prinzip der Entgeltgeltgleichheit beinhaltet neben der weit verbreiteten Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ auch, dass gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit gezahlt wird. Das bezieht vor allem Tätigkeiten ein, die zwar inhaltlich ungleich, aber mit Blick auf die von der Tätigkeit ausgehenden Anforderungen und Belastungen von gleichem Wert sind.

Das Diskriminierungsverbot zielt neben der Forderung „Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“ deshalb beim Arbeitsentgelt auf sämtliche Entgeltbestandteile und -bedingungen ab. Dies hat der Europäische Gerichtshof im Jahr 1990 im Fall Barber festgestellt und fand in Artikel 4 Richtlinie 2006/54/EG bzw. in Art. 157 AEUV (Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union) seinen Niederschlag. Im nationalen Recht wird ein Anspruch aus den Wertungen der §§ 2 Abs. 1 Nr. 2, 8 Abs. 2 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) abgeleitet. Ausdrücklich behandelt dass AGG Entgeltgleichheit im Gegensatz zum vorausgegangenen § 612 Abs. 3 BGB jedoch nicht mehr.

Entgeltgleichheit prüfen – aber wie?

Dass jeder Entgeltbestandteil für sich gesondert betrachtet werden muss, war Grundlage für die Entwicklung eines adäquaten Prüfungsinstruments, die Lohn(un)gleichheit in Betrieben und zwar diskriminierungsfrei zu überprüfen. Nachdem das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Prüfungsinstrument Logib-D vorstellte, wurden erste Stimmen laut, dass bei der Überprüfung von Lohngleichheit diskriminierende Bewertungen herangezogen werden (dazu die Stellungnahme des Deutschen Juristinnenbundes). Dementsprechend entsprechend „Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“ entwickelten Dr. Karin Tondorf und Dr. Andrea Jochmann-Döll das Instrumentarium eg-check.de und orientierten sich dabei am Humankapital mit der Absicht, eine Ungleichbehandlung der Geschlechter beim Arbeitsentgelt sichtbar zu machen, konkrete Ursachen durch die Anwendung von eg-check.de aufzuzeigen und das finanzielle Ausmaß einer Benachteiligung berechnen zu können. Denn auch wenn in Deutschland Entgeltgleichheit rechtlich geboten ist, unterliege die Einhaltung keiner Kontrolle, so die Entwicklerinnen.


Entgeltgleichheit per Gesetz verankern
(Aktionsplan Gleichstellung der SPD)

Um eine solche Kontrolle zukünftig zu gewährleisten kündigte jedenfalls die SPD als Teil des Aktionsplans Gleichstellung einen Entwurf für ein Entgeltgleichheitsgesetz an:

Wichtigster Teil des Aktionsplanes ist es, die Diskriminierung von Frauen in der Berufswelt abzuschaffen. Ausbildungswege in verschiedene Berufszweige müssen für beide Geschlechter attraktiv gestaltet werden, gleichermaßen müssen typische Frauenberufe eine Aufwertung erfahren und gerecht entlohnt werden. Mit einem Gesetz für Entgeltgleichheit wird die SPD ein wirksames Instrument bereitstellen, um die ungerechtfertigten Lohnunterschiede von Frauen und Männern in vergleichbaren Tätigkeiten abzuschaffen.

Daneben wird im Gleichstellungsbericht der Bundesregierung deutlich gemacht, dass es neben praktischen Maßnahmen und Instrumenten zur effektiven Verringerung der geschlechterspezifischen Lohnlücke einen normierten und rechtlichen Anspruch auf gleiches Entgelt für gleichwertige Tätigkeiten in Deutschland geben muss (siehe Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, S. 125).

Weitere Quellen: Jochmann-Döll/Tondorf, Entgeltgleichheit prüfen mit eg-check.de, Arbeitspapier 214 der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 2010. Sowie dem sehr zu empfehlenden Newsletter für Entgeltgleichheit.


Ich lese eine der vielen Meldungen und sage mal wieder nichts. Kein Wort der Entrüstung, der Trauer, der Fassungslosigkeit. Ich starre vor mich hin und finde keine Worte für das Leid, was Menschen gerade erleben müssen. Meine Gedanken rotieren. Alles hat auf einmal Bedeutung.

Aber was fange ich mit dieser an? Wo soll ich hin mit meiner Anklage und gegen wen ist sie gerichtet? Bleibt nicht bei der Benennung des einen jedes andere auf der Strecke? Wieviele Gesprächsfetzen werde ich noch aufschnappen bis die letzte Perspektive um das Geschehen in Japan in meinem Gedanken ausgeleuchtet ist? Und wenn ich dann auf keine davon reagiere, weil ich nicht weiß wie, bedeutet das, dass es mir gleichgültig ist? Dass ich mit all dem einverstanden bin, was in einem Land und mit seiner Gesellschaft passiert?

Wieviel Prozent der Weltbevölkerung sehen in den selben Sekunden die selben Bilder, erhalten die selben Nachrichten über Zeitungen oder Onlinemedien und reagieren auf ähnliche zusammenfassende ‚Die-armen-Menschen-dort‘-Weise bevor sie ihr Abendessen fortsetzen? Wieviele Politiker_innen nutzen die Gelegenheit für anstehende Wahlkämpfe und auf wessen Kosten? Mit welchen Möglichkeiten rüstet sich die Atomlobby? Wie die Atomgegner_innen? Wieviele Forderungen werden formuliert? Und wieviele davon umgesetzt? Und wie angemessen ist das alles mit Blick auf die Menschen vor Ort?

Wie lange dauert es bis der Alltag wiederkehrt und neben der Frühstückslektüre Zeitung, einem Kaffee und Butterbrötchen den kurzen Moment der Gewalt der einzelnen Nachricht in gleichzeitiger Beruhigung der räumlichen Ferne verstummen lässt?

Und wie berechenbar ist bei diesem Umgang die Natur?

Aber vielleicht hat Japan und seine Gesellschaft mehr Kraft zum Umdenken als seine westlichen Partner.


Die Mädchenmannschaft warf zum 100. Internationalen Frauentag die Fragen „Wann habt ihr euch zum ersten mal mit Feminismus beschäftigt?“ und „Wann wusstet ihr, dass ihr Feminist_in seid?“ auf und ich komme aus dem Nachdenken gar nicht mehr heraus. Aber von meinem feministischen Coming Out möchte ich dennoch nicht sprechen. Ich weigere mich das Label „Feministin“ anzunehmen.

Das Label Feminist_in

Das Label-Problem ist natürlich mein persönliches und gern erkläre ich es an dieser Stelle. Mit jeder Begriffsbildung entwickeln sich zwangsläufig Definitionen und mit diesen Zuschreibungskriterien, die sich verbreiten und sich in den Köpfen von Menschen festsetzen. Wenn das aber dazu führt, dass Menschen festgeschrieben sind auf etwas, was mit diesem Label verbunden ist und deswegen die Gefahr besteht nicht mehr hinreichend gehört zu werden, dann wehre ich mich dagegen, mich als was auch immer – in diesem Fall Feministin – zu bezeichnen und kategorisieren zu lassen. Mir geht es um Inhalte und ich finde, der Rest – der nur allzu oft mit Grabenkämpfen oder der Eröffnung von Nebenschauplätzen verbunden ist – lenkt vom wesentlichen Diskurs ab.

Und weil ich eigentlich weder das Label noch Feminismus bzw. was damit verbunden zu sein scheint verstehe, antworte ich jetzt einfach mal drauf los:

Wann habe ich mich zum ersten Mal mit Feminismus beschäftigt?

War es vielleicht meine Autorennbahn, die ich mit 5 Jahren zu Weihnachten bekam oder die Modelleisenbahn, die ein Jahr später folgte? Verbunden mit der Tatsache, dass es mir egal war mit wem ich gespielt habe, denn es ging mir ja um den roten Rennwagen mit dem ich gerne die eine Kurve am unteren rechten Rand der Bahn jedes mal ein wenig schneller nehmen wollte; ich dann aber irgendwann realisierte, dass sich in meinem Kinderzimmer nur Jungs als Besucher aufhielten. Oder war es der Moment als meine Tante zu mir sagte „Hör auf dein Frühstücksei zu köpfen. Mädchen machen so etwas nicht“? Oder der Klassenkamerad, der während meiner Schulzeit meinte, ich sollte mir die Nase nicht so laut putzen? Das zieme sich für eine Frau nicht. Oder war es die Situation als mir eine Bügelstation geschenkt werden sollte und ich es einfach nicht glauben konnte, dass tatsächlich jemand ohne Nachfrage davon ausgeht, ich könnte bügeln oder hätte womöglich Lust es zu lernen? Oder war es die ewig wiederkehrende Gelegenheit, die mich und meinen besten Freund in einer Sportsbar „ein Bier und nen Cheeseburger mit Pommes“ und einmal „den Salat und ein Glas Wasser“ bestellen ließen und ich meinen Burger mit Pommes und Bier fordern musste, da diese Bestellung jedes Mal ausnahmslos vor ihn gestellt wurde? Oder als ich neulich auf einer Party war und mich kurz bevor ich gehen wollte ein Punk zur Seite nahm und mir erklärte ich sollte doch mal meinen Kleidungsstil überdenken und mich nicht so maskulin anziehen, denn er sei ein Mann und hätte einen Röntgenblick, mit dem er sehen könnte, dass ich eine gute Figur habe und er nicht verstehen könne, dass Frauen wie ich diesen Körper nicht zeigen wollen? Oder die Situation gestern am Telefon mit einer guten Bekannten, bei der mir ein weiteres Mal von haarsträubenden Lohnverhandlungen mit einem neuen Arbeitgeber berichtet wurde?

Wann wusste ich, dass ich Feministin bin?

Oder war es der Moment, in dem ich das erste Mal begann zu hinterfragen? Zu lesen und Gespräche zu führen und verstehen zu wollen, warum das alles entgegen der Wirklichkeit so unglaublich einfach zu sein scheint? Ist es nicht vielmehr so, dass wann immer mensch Reaktionen auf eigene Verhaltensweisen erfährt, die er_sie nicht versteht, zu hinterfragen beginnt? Dass es keinen fest bestimmbaren Zeitpunkt gibt, in dem jemand beginnt, sich mit Feminismus zu beschäftigen, sondern das alles ein stetiger auf Erkenntnisgewinn gerichteter Prozess ist, der erst einmal identitätsstiftend ist?

Was ich sagen will, ist, dass sich jede_r ständig mit feministischen Themen beschäftigt. Und zwar in jedem Moment, in dem mensch eine Reaktion oder Aktion erfährt, die auf Festschreibungen von entweder Mann oder Frau beruht und dies einen Denkprozess anstößt, der ein Gleichheitsgefühl auslöst. Daneben schwingt natürlich eine starke gesellschaftskritische Ebene mit auf der für mich als Zielsetzung vor allem eine möglichst umfassende Gerechtigkeit und damit Gleichberechtigung und Gleichheit im Vordergrund steht.

In einer Welt, in der der ökonomische Einfluss sowie die mediale Aufbereitung sich in hellblau oder rosa, Barbiepuppen oder Autorennbahn, Hosen oder Röcke, Sportschau oder Desperate Housewifes/Sex in the City/Germany’s next Topmodel erschöpft, bedarf es Aufmerksamkeit auf das was jenseits davon noch möglich ist. Wenn es darin um Veränderung geht, sollten dann nicht alle an einem Strang ziehen? Dazu muss ich nicht die Bascha Mika Thesen schwingen, sondern allein benennen, dass menschliches Verhalten immer in Wechselwirkung zueinander steht. Von mir aus bemühe ich an dieser Stelle alt bekanntes: der Mensch wird nicht als Frau oder Mann geboren, sondern dazu gemacht. Jenseits dieser Geschlechtergrenzen muss es doch Möglichkeiten geben, weitere Räume zu begehen? Ebenso in der Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik? Vielleicht sogar durch kleine, aber dennoch sichtbare Schritte, die sich stetig fortsetzen. Dann muss mensch sich auch nicht mehr über die Frauenquote in Aufsichtsräten aufregen, die strukturelle Diskriminierung kaum bekämpft. Sondern kann diesen Versuch und auch weitere als eine von vielen Möglichkeiten begreifen und als – wenn auch kleinen – Schritt in eine Zukunft werten, der vor alle gegenwärtig eins weiter anstoßen sollte – einen Perspektivenwechsel.

Entweder jedes ‚Oder‘ ist eigentlich eine wirkliche ignorante Zerstörung des eigentlich Wirklichen … oder nicht.

Ich habe keine Lust mehr, ewig die gleichen Sätze zu hören und zu lesen. Sätze, die wenn sie denn überhaupt auf Lösungsansätze ausgerichtet sind, sich in entweder/oders erschöpfen. Da ist doch nicht nur ein entweder gut oder schlecht, ein entweder stark oder schwach, ein entweder Opfer oder Täter_in, aber vor allem kein entweder Frau oder Mann? Was ist bitte mit all dem dazwischen? Diskriminierungen erschöpfen sich doch nicht nur in der Geschlechtszugehörigkeit, sondern tangieren ebenfalls die soziale Schicht, unter Umständen die Herkunft sowie die sexuelle Identität bzw. Orientierung. Ist nicht gerade jede (Mehrfach-)Diskriminierung ebenfalls auf eine Vielzahl gesellschaftlicher Faktoren zurückzuführen und entstehen daraus nicht unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen, die jede für sich genommen gesehen und thematisiert, aber auch gesamtgesellschaftlich eingeordnet (omg, ich sagte ‚einordnen’) gehört?

Ich merke schon – ich reiße hier gerade zuviel an und das auch noch durcheinander. Das alles regt mich einfach auf. Auf mich konkret bezogen, bedeutet das jedenfalls, dass ich als 31-jährige, ungebundene und kinderlose biologische Frau, die weder eine Karriere mit perfektem Lebenslauf anstrebt noch Vorgegebenes, insbesondere Geschlechterverhältnisse unhinterfragt lässt, sondern sich fast täglich frei strampeln muss, von außen nicht zu was auch immer einfach so zugehörig erklärt werden möchte. Ich möchte frei denken und selbstbestimmt leben und eine Erklärungsoffenheit wahren. Ich möchte, dass all das was ich bin und lebe andere nicht nur tolerieren, sondern akzeptieren und weder als Feminismus-Schreckensgespenst noch als Teil eines „neuen Feminismus“ oder gar negativ als eine moderne Form des Egoismus oder Verantwortungslosigkeit der heutigen Gesellschaft mal eben so abgetan wird. Ich möchte, dass sich endlich und wirkungsvoll etwas verändert!