Pornografische Gedanken

24Apr11

Zwei Beiträge aus der letzten Woche treiben mich schon wieder in pornografische Gedanken. Oder so ähnlich.

Jedenfalls ließ sich auf Spiegel Online die Mitteilung finden, dass der weltweit erste Pornofilm im 3-D-Format in Hongkong erfolgreicher gestartet ist als der Hollywood-Schlager „Avatar“. Auch wenn ich mir nicht einmal vorstellen mag wie sich ein nackter Hintern oder gar anderes sich bewegendes Körpermaterial in schwindelerregender Nähe quasi direkt vor meiner Nase befinden soll, eröffnet dieser offenbar neu entdeckte Markt mit Blick auf den Zuschauer_innenrekord völlig neue Möglichkeiten für die Pornoindustrie.

Nun wäre eine Gleichsetzung dieses scheinbar mit Inhalt gefüllten Filmes mit einem billigen Pornostreifen natürlich anmaßend, da die 3-D-Inszenierung an einen Klassiker der erotischen chinesisichen Literatur angelehnt ist. Dennoch werden Darstellungen bekanntlich subjektiv empfunden und nicht zuletzt die Frage nach dem erträglichen Maß vermittelter Geschlechtsstererotypen oder menschenverachtender Zurschaustellung in erster Linie von jedem einzelnen beantwortet. Der kurze Blick in den Trailer hat mich jedenfalls nicht überzeugt. Der Film lockt dennoch laut dem oben genannten Bericht viele unterschiedliche Menschen in Scharen in die Kinos und lässt sogar Besucher_innen aus dem Zensur belegten China mit eigens dafür eingerichteten Reiseunternehmen anreisen.

Die zweite Nachricht betrifft die Schauspielerin Sıla Şahin, die sich für den Playboy fotografieren ließ. Neben dem Enthüllen ihres Körpers gab sie ein Interview und bezog sich – auf ihre Motivation angesprochen – vor allem darauf, dass sie die erste Türkin auf einem Playboy-Titel sei und die Fotos als ein Mittel der Befreiung von den kulturellen Zwängen ihrer Kindheit betrachte. Ihre Eltern wüssten allerdings noch nichts davon. Mit Spannung mag manch eine_r die Entwicklungen um sie, ihre Ängste und ihre Familie in den Boulevard Medien verfolgt und mal wieder die vielleicht längst schon vergessene Daily Soap „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ in das vorabendliche Fernsehgeschehen eingebunden haben. Die dahinter vermutete PR-Strategie brachte ihr jedenfalls Spott und Häme und ihre „Brüste mit Migrationshintergrund“ eine vermeintliche Einordnung in die gesellschaftliche Diskussion über Migration, Islam und den Stellenwert der Frau. So war darüber hinaus in der ZEIT von Adam Soboczynski Folgendes zu lesen:

Man ahnt, welche Wendung die Islamdebatte nimmt: Das westliche Dogma der Enthüllung, das durch ermüdende Bilderwut sich seiner befreienden Wirkung entledigt hat, eine Emanzipation, die in Pornografie umgeschlagen ist, eine Aufklärung, die in Gegenaufklärung mündete, gelten fatalerweise als die besten Waffen im Kulturkampf gegen den Islam.

Auch Aktfotos als eine Form von Befreiung im jeweiligen Kontext (will mensch sie als solche überhaupt verstehen) münden zwangsläufig in Vermarktung und Verbreitung durch Zeitschriften, Fernsehsender oder Internet. Der Wille und Wunsch nach Konsum ist da und das zahlreich. Vielleicht mehr denn je mit Blick auf die erleicherten Zugangsmöglichkeiten. Ich bezweifle, dass eine auf Aufklärung gerichtete Debatte dadurch überhaupt angeregt werden kann beziehungsweise soll.

Mit Blick auf die Pornoindustrie wünsche ich mir jedenfalls noch immer die Umsetzung von sexpositiver Darstellung weiblicher Lust, das Aufzeigen vielfältiger sexueller Ausdrucksweisen und ein maßgebliches Mitwirken von für den Themenbereich sensibilisierten ‚Frauen‘ bei der Filmproduktion als Mindestvoraussetzungen (zu den weiteren >> Kriterien für das PorYes – Label). Ein weiteres Ergebnis dann auch gerne weltweit verbreitet und vermarktet und gezeigt in einem Kinosaal auf Großbildleinwand natürlich im 3-D-Format.

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