Sexuelle Belästigung durch Aufhängen von Pin-Up-Kalender

08Apr11

Neulich hatte ich ein Gespräch bei dem mir mal wieder von einer Frau berichtet wurde, die sich durch das Aufhängen von Jahreskalendern ihrer männlichen Kollegen, auf denen nackte Frauenkörper abgebildet werden, belästigt fühlt. Seit mehreren Jahren arbeitet sie in einem von Männern dominierten Berufsfeld und wird ständig mit pornographischen Darstellungen konfrontiert. Anfangs versuchte sie darüber hinwegzusehen, irgendwann beschwerte sie sich und erläuterte, dass sie die Darstellungen als sexuell herabwürdigend und beleidigend empfindet. Die Kollegen erklärten ihr allerdings, dass dies ja durchaus als Kompliment zu verstehen sei. Sie würden Frauenkörper einfach schön finden und deswegen täglich auf diese schauen wollen. Geändert hat sich nichts außer dass die Situation neben der ein oder anderen zweideutigen Bemerkung für sie unerträglich geworden ist.

Diese Situationbeschreibung soll weder als Grundlage zur Verallgemeinerung dienen noch Verhaltenweisen bestimmten Geschlechtern zuschreiben. Sicherlich lassen sich auch nackt abgebildete biologische Männerkörper an Wänden finden und/oder wiederum andere, die sich dadurch belästigt fühlen. Fakt ist, dass der Mensch zum Objekt degradiert und auf biologische Geschlechtsmerkmale reduziert wird, so dass mensch sich durch das Aufhängen von pornografischen Bildern und Fotos von Pin-Up Girls zum Beispiel in Form von Kalendern diskriminiert fühlt.

Sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz

Dennoch habe ich dieses Beispiel gewählt, um zu unterstreichen, dass sexuelle Belästigungen eine der häufigsten Formen von Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz ist und mich gefragt, was denn eigentlich das im Jahr 2006 in Kraft getretene Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in diesem Zusammenhang zu bieten hat.

Nun heißt es ja immer so schön, dass das AGG grundsätzlich zum Ziel hat, Benachteiligungen aus rassistischen Gründen oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, des Alters, der Weltanschauung, der sexuellen Identität, einer Behinderung oder der Religion zu verhindern und zu beseitigen. Um Rechte nach dem AGG geltend machen zu können, ist allerdings das Vorliegen einer Benachteiligung erforderlich. § 3 Abs. 4 des Gesetzes stellt die sexuelle Belästigung der Benachteiligung gleich und stellt klar, dass ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornografischen Darstellungen gehört, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von zum Beispiel Erniedrigungen oder Entwürdigung gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.

Der juristische Begriff „pornografische Darstellungen“ unter der Lupe

Mal genauer hingesehen erfasst der Begriff „pornografische Darstellungen“ die Darbietung vergröbernder, verzerrender Darstellungen der Sexualität ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensäußerungen. Die an Arbeitsplätzen verbreiteten Kalender mit Pin-up-Girls erfüllen deshalb nicht den Tatbestand einer sexuellen Belästigung (vgl. Bauer/Göpfert/Krieger, AGG Kommentar, § 3 Rn. 58).

Dabei handelt es sich jedoch um einen engen strafrechtlichen Begriff, so dass vereinzelt und zu Recht darauf verwiesen wird, dass eine Zurschaustellung sexueller Inhalte bereits dann unzulässig ist, wenn sie für Betroffene unerwünscht erfolgt (vgl. ErfK/Schlachter, AGG, § 3 Rn. 18).

Danach kann das Aufhängen von pornografischen Bildern und Pin-Up-Kalendern unter Umständen eine sexuelle Belästigung nach dem AGG darstellen und Schadensersatzansprüche auslösen. Zu diesem Themenbereich ist bisher keine Rechtsprechung ergangen und in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung besteht Uneinigkeit über den Umgang mit solchen Fällen.

Keine Rechtssicherheit in diesem Bereich

So wird es wieder einmal Sache der Gerichte sein, über diese Frage der sexuellen Belästigung im AGG-Kontext zu entscheiden und die notwendige Rechtssicherheit zu schaffen, die dann ein weiterer Schritt in Richtung diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld (ausgehend von der Perspektive der Verrechtlichung dieses Bereichs) sein könnte. Dazu müsste sich aber neben einer Kläger_in auch ein_e Anwält_in finden, die sich gemeinsam der Rechtsunsicherheit zum Trotz dem Problem annehmen.

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6 Responses to “Sexuelle Belästigung durch Aufhängen von Pin-Up-Kalender”

  1. 1 Salpikon7

    Ich stimme mit Dir uneingeschränkt überein, dass das Aufhängen von pornografischen Bildern am Arbeitsplatz eine sexuelle Belästigung darstellt. Ich frage mich jedoch, ob wirklich die Rechtsprechung auch hier gefordert ist. Ein Rechtsanwalt wird sich für eine derartige Klage zweifellos finden lassen. Muss aber auch noch der Bauwagen mit Pin-up-girls durch Regeln und Gerichtsurteile domestiziert werden ? Ich denke es gibt gesellschaftliche Realitäten, die bis zu einem gewissen Grad geduldet werden müssen. Eine Gesellschaft sollte sich im besten Falle selbst weiterentwickeln. Der Rechtsstaat mit seinem derzeitigen schrankenlosen Zugang sollte sich gut überlegen, ob er auch noch über das Aufhängen von Kalendern richtet, oder diese Frage nicht besser dem gesellschaftlichen Diskurs oder noch besser der Diskussion der konkreten handelnden Personen überlässt.

    • Das würde darauf ankommen, ob sich in diesem Bauwagen Menschen befinden, die sich aufgrund von gezeigten Inhalten sexuell belästigt fühlen – also ja. Dass es gesellschaftliche Realitäten gibt, die geduldet werden müssen, unterschreibe ich. Dennoch suche ich verhältnismäßig und angemessen nach dem „gewissen Grad“, den auch du erwähnt hast. Natürlich sollte sich eine Gesellschaft im besten Falle selbst weiterentwickeln. Aber hast du vielleicht auch eine Idee wie? Und wie steht deiner Meinung nach das Recht im Verhältnis dazu? Greift es nicht die grundsätzliche Frage ‚Freiheit versus Sicherheit‘ bzw. ‚Schutz versus Einschränkung‘ auf? Wenn ich schon das Antidiskriminierungsrecht habe, sollte ich es auch als solches gebrauchen.

  2. Im Übrigen sei noch auf ein Urteil aus dem Jahr 2009, dem ein Kündigungsschutzverfahren zugrundlage, hingewiesen. In diesem Verfahren ging es um einen Betrieb, indem eine ‚lockerer‘ Umgangston herrschte und im Werkstattbereich ein „Pin-up-Kalender“ aufgehängt gewesen ist, auf dem Fotografien mit Abbildungen des Genitalbereiches zu sehen gewesen waren. Die aus diesem Umständen resultierende „lockere“ Atmosphäre hat dazu geführt (so zumindest die Rechtfertigung des Klägers), dass der Kläger zweimal kurz hintereinander zwei Frauen am Arbeitsplatz verbal sexuell belästigt hat und zwar mit folgenden Sätzen:

    „Wenn der Ausschnitt noch ein bisschen größer wäre, würden dir die Äpfelchen rausfallen“ oder „Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, würde ich dich nehmen“ oder es wurde sich danach erkundigt, wie es denn bei ihr und ihrem Freund in sexueller Hinsicht laufe bzw. was sie denn für einen BH trage usw. Zudem folgte eine Berührung am Rücken, nachdem das T-Shirt etwas hochgerutscht war.

    So, nun frage ich mich, ob dies nicht hätte schon eher verhindert werden können. Eine klare Linie, nämlich dass das Aufhängen von zum Beispiel Pin-Up Kalendern nach dem AGG sanktioniert wird, ist doch der erste Schritt, den mensch rechtlich gehen kann? Oder soll ernsthaft verlangt werden abzuwarten bis unter Umständen solche Situationen wie die eben geschilderte eintreten?

  3. 4 G-Hässig

    Pinups (ob mit nacken Männern oder Frauen!) gehören nicht an den Arbeitsplatz.
    Es sei denn es handelt sich um ein Bordell oder einen Swinger-Club.

    Dass Männer ihre Arbeitsleistung steigern nur weil Pinups im Spind oder sonstwo sichtbar hängen, ist ein Mythos. Und ich bin nicht sicher ob sexuelle Probleme von Bauarbeitern sich durch Pinups kompensieren lassen.

    Wenn es um Freiheit ginge, könnten wir auch ewrlauben, dass halbnackte 5_Jährige irgendwo als Pinups in Firmen rumhängen.

  4. 5 Salpikon7

    Genau, es geht auch mir bei der aufgeworfenen Frage um die Balance zwischen Freiheit und gesetzlichem Schutz. Die Grenze ist bei halbnackten 5-Jährigen natürlich überschritten. Diskussionswürdig ist doch der Umgang unter Erwachsenen – abhängig auch von der Art der Darstellung. Mir graut nur etwas vor dem legislativ und judikativ lückenlos geregeltem Leben der political correctness. Dass es keine Urteile zu der Frage gibt, ist ein Indiz für das fehlende Bedürfnis der staatlichen Antwort auf die Frage. Es mag nichtsdestotrotz natürlich grenzüberschreitende Einzelfälle, wie den von Dir zitierten, geben.

  5. Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Fall, der tatsächlich mal zu einer Kündigung geführt hat, nachdem wohlgemerkt zwei (!) Frauen sich gegen in erster Linie Verbalattacken an ihrem Arbeitsplatz zur Wehr gesetzt hatten. Das die gerichtliche Durchsetzbarkeit auch in diesen Fällen wieder an Beweisschwierigkeiten scheitern wird, wenn die Betroffenen denn überhaupt Ansprüche auf dem Klageweg geltend machen, sollte sich auch noch einmal vor Augen geführt werden.

    Ich kann mich dem Gesagten nur anschließen: Pornographische Darstellungen und Pin-Up Fotos (ob mit nackten Männern oder Frauen!) gehören grundsätzlich nicht an den Arbeitsplatz. Wenn Gespräche nicht möglich sind und eindeutige Aufforderungen, diese Form von Belästigungen zu unterlassen scheitern, sehe ich es nicht als eine Form judikativ erzwungener ‚political correctness‘, sondern als eine Pflicht des Staates (gerne auch über Mediation) sich in diese Konflikte durch Klärung einzuschalten.


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