“Coming In” and find feminism?!

13Mrz11

Die Mädchenmannschaft warf zum 100. Internationalen Frauentag die Fragen „Wann habt ihr euch zum ersten mal mit Feminismus beschäftigt?“ und „Wann wusstet ihr, dass ihr Feminist_in seid?“ auf und ich komme aus dem Nachdenken gar nicht mehr heraus. Aber von meinem feministischen Coming Out möchte ich dennoch nicht sprechen. Ich weigere mich das Label „Feministin“ anzunehmen.

Das Label Feminist_in

Das Label-Problem ist natürlich mein persönliches und gern erkläre ich es an dieser Stelle. Mit jeder Begriffsbildung entwickeln sich zwangsläufig Definitionen und mit diesen Zuschreibungskriterien, die sich verbreiten und sich in den Köpfen von Menschen festsetzen. Wenn das aber dazu führt, dass Menschen festgeschrieben sind auf etwas, was mit diesem Label verbunden ist und deswegen die Gefahr besteht nicht mehr hinreichend gehört zu werden, dann wehre ich mich dagegen, mich als was auch immer – in diesem Fall Feministin – zu bezeichnen und kategorisieren zu lassen. Mir geht es um Inhalte und ich finde, der Rest – der nur allzu oft mit Grabenkämpfen oder der Eröffnung von Nebenschauplätzen verbunden ist – lenkt vom wesentlichen Diskurs ab.

Und weil ich eigentlich weder das Label noch Feminismus bzw. was damit verbunden zu sein scheint verstehe, antworte ich jetzt einfach mal drauf los:

Wann habe ich mich zum ersten Mal mit Feminismus beschäftigt?

War es vielleicht meine Autorennbahn, die ich mit 5 Jahren zu Weihnachten bekam oder die Modelleisenbahn, die ein Jahr später folgte? Verbunden mit der Tatsache, dass es mir egal war mit wem ich gespielt habe, denn es ging mir ja um den roten Rennwagen mit dem ich gerne die eine Kurve am unteren rechten Rand der Bahn jedes mal ein wenig schneller nehmen wollte; ich dann aber irgendwann realisierte, dass sich in meinem Kinderzimmer nur Jungs als Besucher aufhielten. Oder war es der Moment als meine Tante zu mir sagte „Hör auf dein Frühstücksei zu köpfen. Mädchen machen so etwas nicht“? Oder der Klassenkamerad, der während meiner Schulzeit meinte, ich sollte mir die Nase nicht so laut putzen? Das zieme sich für eine Frau nicht. Oder war es die Situation als mir eine Bügelstation geschenkt werden sollte und ich es einfach nicht glauben konnte, dass tatsächlich jemand ohne Nachfrage davon ausgeht, ich könnte bügeln oder hätte womöglich Lust es zu lernen? Oder war es die ewig wiederkehrende Gelegenheit, die mich und meinen besten Freund in einer Sportsbar „ein Bier und nen Cheeseburger mit Pommes“ und einmal „den Salat und ein Glas Wasser“ bestellen ließen und ich meinen Burger mit Pommes und Bier fordern musste, da diese Bestellung jedes Mal ausnahmslos vor ihn gestellt wurde? Oder als ich neulich auf einer Party war und mich kurz bevor ich gehen wollte ein Punk zur Seite nahm und mir erklärte ich sollte doch mal meinen Kleidungsstil überdenken und mich nicht so maskulin anziehen, denn er sei ein Mann und hätte einen Röntgenblick, mit dem er sehen könnte, dass ich eine gute Figur habe und er nicht verstehen könne, dass Frauen wie ich diesen Körper nicht zeigen wollen? Oder die Situation gestern am Telefon mit einer guten Bekannten, bei der mir ein weiteres Mal von haarsträubenden Lohnverhandlungen mit einem neuen Arbeitgeber berichtet wurde?

Wann wusste ich, dass ich Feministin bin?

Oder war es der Moment, in dem ich das erste Mal begann zu hinterfragen? Zu lesen und Gespräche zu führen und verstehen zu wollen, warum das alles entgegen der Wirklichkeit so unglaublich einfach zu sein scheint? Ist es nicht vielmehr so, dass wann immer mensch Reaktionen auf eigene Verhaltensweisen erfährt, die er_sie nicht versteht, zu hinterfragen beginnt? Dass es keinen fest bestimmbaren Zeitpunkt gibt, in dem jemand beginnt, sich mit Feminismus zu beschäftigen, sondern das alles ein stetiger auf Erkenntnisgewinn gerichteter Prozess ist, der erst einmal identitätsstiftend ist?

Was ich sagen will, ist, dass sich jede_r ständig mit feministischen Themen beschäftigt. Und zwar in jedem Moment, in dem mensch eine Reaktion oder Aktion erfährt, die auf Festschreibungen von entweder Mann oder Frau beruht und dies einen Denkprozess anstößt, der ein Gleichheitsgefühl auslöst. Daneben schwingt natürlich eine starke gesellschaftskritische Ebene mit auf der für mich als Zielsetzung vor allem eine möglichst umfassende Gerechtigkeit und damit Gleichberechtigung und Gleichheit im Vordergrund steht.

In einer Welt, in der der ökonomische Einfluss sowie die mediale Aufbereitung sich in hellblau oder rosa, Barbiepuppen oder Autorennbahn, Hosen oder Röcke, Sportschau oder Desperate Housewifes/Sex in the City/Germany’s next Topmodel erschöpft, bedarf es Aufmerksamkeit auf das was jenseits davon noch möglich ist. Wenn es darin um Veränderung geht, sollten dann nicht alle an einem Strang ziehen? Dazu muss ich nicht die Bascha Mika Thesen schwingen, sondern allein benennen, dass menschliches Verhalten immer in Wechselwirkung zueinander steht. Von mir aus bemühe ich an dieser Stelle alt bekanntes: der Mensch wird nicht als Frau oder Mann geboren, sondern dazu gemacht. Jenseits dieser Geschlechtergrenzen muss es doch Möglichkeiten geben, weitere Räume zu begehen? Ebenso in der Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik? Vielleicht sogar durch kleine, aber dennoch sichtbare Schritte, die sich stetig fortsetzen. Dann muss mensch sich auch nicht mehr über die Frauenquote in Aufsichtsräten aufregen, die strukturelle Diskriminierung kaum bekämpft. Sondern kann diesen Versuch und auch weitere als eine von vielen Möglichkeiten begreifen und als – wenn auch kleinen – Schritt in eine Zukunft werten, der vor alle gegenwärtig eins weiter anstoßen sollte – einen Perspektivenwechsel.

Entweder jedes ‚Oder‘ ist eigentlich eine wirkliche ignorante Zerstörung des eigentlich Wirklichen … oder nicht.

Ich habe keine Lust mehr, ewig die gleichen Sätze zu hören und zu lesen. Sätze, die wenn sie denn überhaupt auf Lösungsansätze ausgerichtet sind, sich in entweder/oders erschöpfen. Da ist doch nicht nur ein entweder gut oder schlecht, ein entweder stark oder schwach, ein entweder Opfer oder Täter_in, aber vor allem kein entweder Frau oder Mann? Was ist bitte mit all dem dazwischen? Diskriminierungen erschöpfen sich doch nicht nur in der Geschlechtszugehörigkeit, sondern tangieren ebenfalls die soziale Schicht, unter Umständen die Herkunft sowie die sexuelle Identität bzw. Orientierung. Ist nicht gerade jede (Mehrfach-)Diskriminierung ebenfalls auf eine Vielzahl gesellschaftlicher Faktoren zurückzuführen und entstehen daraus nicht unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen, die jede für sich genommen gesehen und thematisiert, aber auch gesamtgesellschaftlich eingeordnet (omg, ich sagte ‚einordnen’) gehört?

Ich merke schon – ich reiße hier gerade zuviel an und das auch noch durcheinander. Das alles regt mich einfach auf. Auf mich konkret bezogen, bedeutet das jedenfalls, dass ich als 31-jährige, ungebundene und kinderlose biologische Frau, die weder eine Karriere mit perfektem Lebenslauf anstrebt noch Vorgegebenes, insbesondere Geschlechterverhältnisse unhinterfragt lässt, sondern sich fast täglich frei strampeln muss, von außen nicht zu was auch immer einfach so zugehörig erklärt werden möchte. Ich möchte frei denken und selbstbestimmt leben und eine Erklärungsoffenheit wahren. Ich möchte, dass all das was ich bin und lebe andere nicht nur tolerieren, sondern akzeptieren und weder als Feminismus-Schreckensgespenst noch als Teil eines „neuen Feminismus“ oder gar negativ als eine moderne Form des Egoismus oder Verantwortungslosigkeit der heutigen Gesellschaft mal eben so abgetan wird. Ich möchte, dass sich endlich und wirkungsvoll etwas verändert!

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3 Responses to ““Coming In” and find feminism?!”

  1. Wow, habe deinen Beitrag eben erst entdeckt, aber deine Worte zum „Label Feminist_in“ möchte ich 100% unterschreiben! Überhaupt kann ich den tollen Text hier total nachvollziehen.

  2. Das freut mich sehr! Danke für dein Feedback.


  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Eine Tasche voller feministischer Geschichten

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