Wenn aus der Frau ein Mann wird, ist dann der Freund schwul?

22Jun09
Wen interessiert das eigentlich? Sie lieben sich!

Anne-Dore Krohn befasste sich in einer heute bei FAZ.NET erschienenen Reportage mit dem Thema Transsexualität. Erzählt wird von Lukas und Jasper, die seit 11 Jahren ein Liebespaar sind und in den letzten Jahren in ihrer Beziehung den Wechsel eines biologischen Geschlechts durchlebten. Die Liebe blieb. Während die einen sich in ihren fundamentalen Kategorien erschüttert fühlen und Fragen stellen wie: „Wird aus einer heterosexuellen Beziehung eine homosexuelle? War die Beziehung überhaupt jemals heterosexuell? Und wenn aus der Frau ein Mann wird, ist dann der Mann automatisch schwul?“ – ist es für andere ein weiterer lebendiger Beweis dafür, wie die in heteronormative Förmchen gegossene Welt aus den Fugen geraten kann, wenn es um wahrhaftige Liebe geht.

Lebendig ist auch ein 80 Jahre alter Mann, der seit über 56 Jahren verheiratet ist und drei Kinder hat. Er fühlt schon seit längerem Unstimmigkeiten mit sich und seiner männlichen Geschlechtsidentität und lässt im Jahr 2002, nachdem er/sie seit 2001 einen Frauennamen trägt, eine Geschlechtsangleichung vornehmen. Ihre Ehefrau unterstützt sie und erklärt, dass die Beziehung intakt sei. Dass diese Geschichte nicht nur ein weitere Beweis dafür ist, das Liebe jenseits von Äußerlichkeiten und Geschlechterfragen und ohne jegliche Definitionsversuche existiert, sondern darüber hinaus auch (ein weiteres Mal) das Transsexuellengesetz bzw. die Beschränkung der Ehe als eine Verbindung zwischen Mann und Frau in Frage stellt, zeigte die am 27. Mai 2008 dazu ergangene Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

Das Transsexuellengesetz

Was auf den ersten Blick romantisch und privat anmutet, wird durch gesellschaftliche Konventionen und Gesetze durchkreuzt. Über Blicke und Fragen und im schlimmsten Falle Übergriffe von verständnislosen Menschen hinaus interessieren persönliche Einzelheiten vor allem dann, wenn es um zu erfüllende gesetzliche Voraussetzungen geht. Im Fall des verheirateten Paares wurde trotz der intakten Beziehung eine Scheidung gefordert, denn aufgrund des Rechts auf Anerkennung der selbstbestimmten Identität ist eine personenstandsrechtliche Anerkennung nach der Geschlechtsangleichung zwar möglich, jedoch nur unter den Voraussetzungen, die das Transsexuellengesetz nach § 8 Abs. 1 Nr. 2 TSG a.F. mit dem Merkmal „Nicht verheiratet“ als Erfordernis regelt. Auch Lukas hatte sich im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zu entscheiden und zwar für die oftmals kritisierte „große Lösung“, die neben der Änderung des Vornames ebenso die Änderung des gesamten Personenstandes, inklusive Sozialversicherungsnummer und Geburtsurkunde, aber auch die Entfernung der Hoden bei Transfrauen oder die Entfernung der Gebärmutter bei Transmännern sowie die dauerhafte Fortpflanzungsunfähigkeit als Voraussetzung vorsieht.

Zwar führte der Ehescheidungszwang zur Feststellung der Verfassungswidrigkeit des § 8 Abs. 1 Nr. 2 TSG im Falles des älteren Ehepaars, was die Forderung durch das Bundesverfassungsgericht nach einer verfassungskonformen Angleichung des TSG zur Folge hatte – nach etwas über einem Jahr beschloss der Bundestag in der letzten Woche das Änderungsgesetz zum TSG – jedoch wurde es nicht wie von vielen gefordert umfassend reformiert, sondern lediglich § 8 Abs. 1 Nr. 2 gestrichen. Der LSVD äußerte sich dazu in einer Stellungnahme und wies darauf hin, dass es „nach wie vor entwürdigende bürokratische Hürden für die Anerkennung von Namens- und Geschlechtswechsel gibt, nach wie vor fehlt es an allen Enden: gesundheitliche Betreuung, Beratung und Begleitung sind unzureichend, am Arbeitsplatz und im Alltag sind transsexuelle Menschen vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt.“ Man werde sich weiterhin für eine umfassende Reform des TSG einsetzen.

Fragen entgegen der Lebenswirklichkeit

Aber wie ist das denn jetzt? Wenn aus der Frau ein Mann wird, ist der Freund dann schwul?

Jasper sagt: „Ich war mit einer Frau zusammen, es gab keinen Anlass, etwas anderes anzunehmen.“ Lukas sagt: „Ich bin schon immer ein schwuler Mann gewesen, ich habe es aber lange nicht gewusst.“ Jasper sagt: „In gewisser Weise bin ich schwul. In anderer Hinsicht aber auch wieder nicht.“

Und wen interessiert’s? Sie lieben sich!

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One Response to “Wenn aus der Frau ein Mann wird, ist dann der Freund schwul?”

  1. I think it's a really great article that raises and answers a lot of interesting questions. It's very refreshing to read, especially in comparison with the usual coverage of transgender issues.


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